Spätestens seit der nicht stattgefundenen Twitter-Revolution im Iran versuchen Laien wie Experten die politische Macht des Internets zu ergründen. Leider folgen sie dabei meist einer falschen Grundannahme. Während Facebook & Co. für die Bewohner halbautoritärer Staaten tatsächlich potenzielle Befreiungsinstrumente sein könnten, könnte für westliche Demokratien das genaue Gegenteil zutreffen.
Die politische Blogosphäre der USA: blau = liberal, rot = konservativ [1]
Wie viel politischer Sprengstoff steckt in Social Media? Haben Dienste wie Facebook und Twitter wirklich die Kraft, autokratische Regime aus den Angeln zu heben? Nach dem Sturz von Ägyptens Hosni Mubarak werden Fragen wie diese wieder einmal eifrig diskutiert.
Meistens treffen dabei zwei Standpunkte aufeinander: Die einen, die meinen, mit Hilfe des Internets hätten Bürger und politische Aktivisten die Chance, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen und sich zu einer mächtigen Protestbewegung zusammenzuschließen. Und natürlich die anderen, die die politische Sprengkraft von Facebook und Twitter für maßlos überschätzt halten.
Diese Debatte mag für autoritär geführte Staaten - derzeit insbesondere der arabischen Welt - von praktischer Relevanz sein. Für westlichen Demokratien stellt die zunehmende Vernetzung jedoch eine Herausforderung gänzlich anderer Art dar.
Der große Irrtum, der dieser Debatte innewohnt, resultiert bereits aus der oft unausgesprochenen Grundannahme: Je vernetzter die Menschen sind, desto leichter kann sich eine Idee (zum Beispiel eine politische Forderung) ausbreiten, desto mehr Macht liegt also beim "Volk". Genau das ist aber falsch.
Nicholas A. Christakis und James H. Fowler haben dies anhand von Computersimulationen und statistischen Daten über Wahlbeteiligungen überprüft. In ihrem Buch "Connected!" schreiben sie:
Unsere Simulation ließ [...] die Vermutung zu, dass die Wählerwellen dann am größten waren, wenn sie von einer Person in einer moderat vernetzten Gruppe ausgingen. Zu starke interne Vernetzung bedeutete, dass eine Gruppe vom Rest abgeschnitten war, und bei zu geringer Vernetzung war die Gruppe zu desorganisiert, als dass das Verhalten einer Person große Auswirkungen auf die Übrigen gehabt hätte.
[...]
Genau diesen Zusammenhang fanden wir in den Daten aus Indianapolis und St. Louis. Die Wahlbeteiligung war am größten in Netzwerken mit einer Transitivität von 0,5 (das heißt, dass die Hälfte der Freunde einer Person auch untereinander befreundet sind). Personen deren Freunde einander nicht kannten, beteiligten sich seltener, genau wie verschworene Cliquen. Diese Erkenntnis bestätigte sich in einer Gallup-Umfrage über den Zusammenhang von Netzwerken und Wählerverhalten.
Daher können "Netzwerke ab einem bestimmten Punkt so stark vernetzt sein", dass "Informationen und Normen nur noch innerhalb der Gruppe zirkulieren, aber nicht mehr zwischen den Gruppen". [2] Wie das konkret aussehen kann, zeigt die Visualisierung der politischen US-Blogosphäre (bild oben): liberale Blogs verlinken beinahe ausschließlich zu anderen liberalen Blogs, konservative Blogs zu anderen konservativen Blogs. Neue Ideen wandern daher nur noch durchs eigene Netzwerk, während sie bei Außenstehenden bloß nur noch für Kopfschütteln sorgen.
Die Auswirkungen dieser "Übervernetzung" sind längst evident: Fragmentierte Parlamente, immer tiefer werdende ideologische Klüfte, kaum noch regierbare Staaten (wie etwa Belgien). Selbst in Demokratien mit rigidem Mehrheitswahlrecht wie den USA schaffen Subbewegungen wie die Tea Party neue politische Realitäten, die einem gesamtgesellschaftlichen Minimalkonsens nicht gerade förderlich sind. Der hohe Vernetzungsgrad ist das Holz, aus dem der Wutbürger geschnitzt ist.
Wer den Trend zur Postdemokratie beklagt, muss sich daher auch die Frage stellen, ob Smartphones, Facebook, Twitter, YouTube & Co. wirklich die Lösung des Problems darstellen - oder nicht vielmehr das Problem selbst. Gut möglich, dass Social-Media-Dienste in halbautoritären Regimen zur Öffnung beitragen. Allerdings ist der dortige Vernetzungsgrad eben vielleicht noch nicht zu groß - und es gibt natürlich den gemeinsamen Feind, den Langzeitmachthaber.
In westlichen Demokratien hingegen könnte die zunehmende Vernetzung zum genauen Gegenteil führen: Eine Gesellschaft aus zusehends kleiner werdenden Subgruppen, die immer radikaler, aber auch ohnmächtiger werden, weil es ihnen am Zugang zu anderen Netzwerken fehlt. Und eine Machtelite, die sich mehr und mehr dazu gezwungen fühlt, autoritär zu agieren, um ihr Land noch regierbar bleiben zu lassen.
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[1] Nicholas A. Christakis & James H. Fowler (2009): Connected! Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist. Frankfurt am Main: Fischer. Zwischen S. 224 und 225.
[2] Ebenda, S. 244-245.
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