Guttenberg macht es genau richtig. Nein, nicht vom moralischen Standpunkt, sondern vom machiavellistischen. Das verrät bereits ein rascher Blick in die Psychostudien-Kiste.

"Dieser Verteidigungsminister geht nicht, weil er gelogen hat", ärgert sich der stellvertretende ZEIT ONLINE-Chefredakteur Karsten Polke-Majewski, kein Wort verliere Guttenberg "zu den Tausenden Wissenschaftlern, die sich von ihm verhöhnt fühlen und dem auch Ausdruck geben. Keines zu den Studierenden der Bundeswehr-Universitäten, denen er vorgesetzt war, und die für ähnliche Vergehen Degradierung fürchten müssen." Stattdessen "sind es die Medien, die alles durcheinanderbringen, die 'enorme Wucht der medialen Betrachtung' seiner Person, sagt Guttenberg, welche den Umbrüchen in Arabien und dem Geschehen in Afghanistan weniger Aufmerksamkeit schenkt als ihm."

Kommentare wie diese liest man derzeit in den besseren deutschen Medien zuhauf. Das ist der moralische Aspekt. Doch wie sieht es von pragmatischer Seite aus?

Geht es nach einer Studie, die soeben im Journal of Experimental Social Psychology erschienen ist, dann macht Guttenberg alles richtig. In einem der Experimente der Studie lasen die Probanden von einem Mann namens George - der entweder als Held, Normalo oder Opfer präsentiert wurde -, der Geld geklaut hatte. Bei einem Gedächtnistest zeigte sich: War George in dem Szenario selbst auch ein Opfer (er wurde von seinem Chef bestohlen), erinnerten sich bei einem nachfolgenden Gedächtnistest viel weniger Versuchsteilnehmer daran, dass George das Gesetz gebrochen hatte.

Das Opfer zu mimen scheint also eine gute Strategie zu sein, seine Sünden vergessen zu machen. Doch wie sieht es mit der Wirksamkeit von Entschuldigungen aus, also echten, wirklich ehrlich gemeinten Entschuldigungen?

Die werden überschätzt: Wie der niederländische Psychologe David De Cremer herausfand, stufen wir den Wert einer Entschuldigung wesentlich bedeutsamer ein, wenn wir uns lediglich vorstellen, wir würden sie erhalten. Fällt die Entschuldigung tatsächlich, wird sie als weit weniger wertvoll betrachtet.

Moral und psychologische Mechanismen gehen nicht selten getrennte Wege. Da die moralische Sensibilität der Machteliten nicht gerade im Steigen begriffen ist (oder ist das nur ein subjektiver Eindruck?), werden wir uns in Zukunft wohl noch eher vermehrt an Politikern, Wirtschaftsbossen und Lobbyisten erfreuen dürfen, die sich lieber zum Opfer hochstilisieren, anstatt sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Das hat bei Haider schon geklappt ("linke Jagdgesellschaft"), bei Berlusconi ("linke Richter") und funktioniert bei Guttenberg offenbar ebenso.

Links:
"Weder anständig noch ehrlich" (zeit.de)
"To escape blame, be a victim, not a hero, new study finds" (brainmysteries.com)
"How Powerful is an Apology?" (psyblog.org)