...verstärkt durch Smartphones, Tablets & Co.?
"Think less and become more conservative" - mit dieser etwas reißerischen Überschrift betitelt das von mir sehr geschätzte Psychologieblog BPS Research Digest eine neue Studie, die dem Einfluss von Zeitdruck und geistigen Anstrengungen auf politische Einstellungen nachgegangen ist.
Die Untersuchung von Scott Eidelman et al. (2012) setzt sich aus vier Bereichen zusammen:
- In einer Bar wurden verschieden stark Betrunkene nach ihren politischen Einstellungen befragt
- Versuchsteilnehmer wurden mit Tönen abgelenkt, während sie nach nach ihren politschen Einstellungen befragt wurden
- Probanden wurden unter Zeitdruck gesetzt, während sie Angaben zu ihren politischen Einstellungen machen mussten
- Probanden wurden gebeten, möglichst wenig nachzudenken, als sie Angaben zu ihren politischen Einstellungen machten
Das Ergebnis: Je stärker die Versuchsteilnehmer und Versuchsteilnehmerinnen mental beeinträchtigt waren, desto eher verließen sie sich auf ihren gesunden Menschenverstand - und wurden konservativ. Die mentale Beeinträchtigung verlieh Sätzen wie "Produktion und Handel sollten frei von staatlichen Eingriffen sein" ihre Plausibilität. "Unsere Befunde legen nahe, dass konservatives Denken grundlegend, normal und vielleicht natürlich ist", fassen die Forscher zusammen.
Das ist nicht überraschend, wenn man die Studienlage zu dem Thema ein wenig kennt. Für ich wirft das Ergebnis jedoch auch auf eine mittlerweile klassische Studie von Daniel Gilbert und Romin Tafarodi (1993) ein neues Licht.
Die Forscher hatten Versuchsteilnehmerinnen Aussagen über zwei unzusammenhängende Kriminalfälle vorgelegt, die angeblich vor kurzem stattgefunden hätten. Die Probandinnen sollten über die Höhe der Gefängnisstrafe entscheiden. Der Clou: Zusätzlich zu den angeblich wahren Kriminalfällen wurden auf dem Bildschirm in roter Farbe gehaltene Statements eingeblendet, von denen es ausdrücklich hieß, dass sie bedeutungslos wären, also nichts mit den Kriminalfällen zu tun hatten. Die Frage war, ob sich die Versuchsteilnehmerinnen dadurch in ihren Entscheidungen beeinflussen lassen.
Die Ergebnis: Probandinnen, die nicht unter Stress standen, ließen sie sich kaum täuschen. Ganz anders lautete jedoch das Ergebnis einer Vergleichsgruppe, die während des Experiments absichtlich abgelenkt wurde. Wurden rote Statements eingeblendet, die den Täter in schlechtem Licht dastehen ließen, stieg die vorgeschlagene Gefängnisstrafe um durchschnittlich mehr als fünf Jahre - obwohl die Statements gar nicht zum Kriminalfall gehörten! "Du kannst nicht nicht alles glauben, was du liest", so die Schlussfolgerung der Forscher.
Interessanterweise wirkte der Effekt jedoch nicht umgekehrt: Wenn die "falschen" roten Statements den Täter entlasteten, wirkte sich das so gut wie gar nicht auf die Länge der Gefängnisstrafe aus. Ich glaube nun auch zu ahnen, weshalb.
Auf alle Fälle geben die Untersuchungen zu denken anlässlich des weit verbreiteten Glaubens, Smartphones und Tablets würden eine fortschrittlichere Gesellschaft hervorbringen. Gut möglich, dass Surfen während der U-Bahnfahrt oder Twittern während des Vortrags - sprich: die Reduktion unserer geistigen Rechenleistung durch Multitasking - das genaue Gegenteil bewirkt.
Update: Per E-Mail wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Eckhart von Hirschhausen schon einmal vor Jahren über den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Konservatismus geschrieben hat! (Danke an Rolf D.)
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