Star-Trek-Sozialismus - von dieser Vision schwärmt offensichtlich ein Berliner Pirat, wie Zeit Online vor kurzem berichtete. Doch wie sozialistisch ist Star Trek?
Zufällig habe ich darüber soeben ein Buch gelesen. In seinem Buch "Das Phänomen Star Trek" zitiert Andreas Rauscher einen Autor, der es wissen muss:
Karlheinz Steinmüller, einer der prominentesten SF-Autoren der ehemaligen DDR, analysiert in seinem Essay "Beinahe eine sozialistische Utopie" die Parallelen zwischen der Original Series und der zeitgleich entstandenen DDR-Science-Fiction-Literatur und gelangt zu folgendem Ergebnis: "Ein Großteil von Star Trek - The Original Series hätte auch von osteuropäischen Autoren verfasst worden sein können [...] Gene Roddenberry und seine Drehbuchautoren waren in vielem denselben Idealen wie der Autoren osteuropäischer Science-Fiction verpflichtet."
Andreas Rauscher (2003): Das Phänomen Star Trek. Ventil Verlag (S. 57)
Natürlich ist Start Trek nicht gleich Star Trek. Lägen die Ähnlichkeiten ursprünglich "in der Typologie, dem Optimismus und der Auseinandersetzung mit der moralischen Verantwortung des technischen Fortschritts" (S. 57), trägt die Föderation der Vereinten Planeten bei The Next Generation und Deep Space Nine erstmals selbst sozialistische Züge humanistischer Prägung. Als Beleg dient unter anderem die Next-Generation-Folge "The Neutral Zone", in der die Enterprise-Crew Tiefgefrorene aus dem 20. Jahrhundert wiederbelebt. Einem der Reanimierten, ein Börsenspekulant, erklärt Captain Picard:
Sie haben noch gar nichts begriffen. In den letzten drei Jahrhunderten hat sich unglaublich viel verändert. Es ist für die Menschen nicht länger wichtig, große Reichtümer zu besitzen. Wir haben den Hunger eliminiert, die Not, die Notwendigkeit, reich zu sein. Die Menschheit ist erwachsen geworden.
- Star Trek: The Next Generation. 1x26
Doch widerspricht sich das nicht mit der allgemein akzeptierten Interpretation, wonach die Klingonen seit jeher das galaktische Pendant zu den Sowjets darstellen? Vordergründig ja. Am offensichtlichsten wird das bei Star Trek VI: Das unentdeckte Land. In diesem vielleicht besten Star-Trek-Film explodiert der klingonische Energieversorgungsplanet Praxis, wodurch die Klingongen sich zu einer Appeasement-Politik gezwungen sehen - die Parallelen zum Supergau von Tschernobyl sind offensichtlich.
Gleichzeitig jedoch wird das Klingonische Reich von Beginn an als Gesellschaft dargestellt, das sich wie kein anderes auf das Recht des Stärkeren beruft. Im Mittelpunkt der auf Kasten beruhenden Gesellschaft stehen Ehre, Stolz, Familie und Tradition. Krankheit wird gar als Schande angesehen. Insoferne entsprechen sie eher republikanischen Kernwählern als dem, was die einst realsozialistischen Länder zumindest offiziell anstrebten.
In Summe operiert Star Trek somit auf zwei Ebenen: Auf der einen Seite als zur Schau getragene galaktische Weiterführung der USA, stets nach Freiheit und Individualität strebend. Auf der anderen Seite aber eben auch als implizit sozialistische Utopie, in der Armut längst der Vergangenheit angehört und Fort Knox bloß noch als Museum dient.
Dass das Drehbuch von Star Trek (2009) aus der Feder eines Ron-Paul-Fans stammen, könnte daher ein Mitgrund sein, weshalb die neuen Star-Trek-Filme nur schwer dem Star-Trek-Kanon zuzurechnen sind.
Link:
Andreas Rauscher (2003): Das Phänomen Star Trek (Amazon)
